Rezension des Buchs ‚Alle behindert‘

Dieses Buch hat uns, Lisa & Mmmmichael, überraschend gefunden, nämlich in einem wunderbaren Geschenke-Laden namens Liebelei in einer Seitenstraße der Linzer Landstraße; sofort hat es uns in seinen Bann gezogen. Mit Hilfe dieses Buches kamen wir sofort mit dem Inhaber des Ladens ins Gespräch, denn dieses Buch behandelt auch unsere Behinderung/Beeinträchtigung/Störung aber auch Leidenschaft – nämlich das Stottern.

Buch: 'Alle-behindert!'

Das farbenfrohe und freche Kinderbuch im DinA4-Hardcover-Format fällt schon mit seiner Titelseite auf, weil auf dieser komplett gemalten Seite der Bogen des kleinen h aus dem Wort ‚behindert‘ in die falsche Richtung geschrieben ist (ein ‚füɿ Kiᴎbɘɿ‘ typischer Schreib-Fehler …) und somit prominent aus der Reihe tanzt. Selbst der Name der Reihe ‚Klett Kniderbuch [sic!]‘ ist absichtlich lustig falsch geschrieben, ebenso wie das Wort ‚Auflage‘ in der integrierten Kurztitel-Aufnahme absichtlich als ‚Aussage‘ verballhornt wird.

Auf der Titelseite finden sich auch auch kleine, im Comic-Stil gezeichnete Kinder, die mit Sprechblasen den Betrachter z.B. mit den folgenden Aussagen direkt ansprechen ‚Glotz nicht so! Schau rein!‘ und dem Leser das (gehaltene – aber dazu später mehr …) Versprechen geben: ‚Und Du kommst auch drin vor!‘.

Mit dieser verspielten und farbenfrohen Gestaltung, deren Stil sich im ganzen Buch fortsetzt, lockert es das doch eher schwierige Thema ‚Behinderung‘ erfolgreich auf. Es ist alles und alles gleichzeitig: lustiges Ratgeberchen, ‚Referenz‘, Denkanstoß, Bilder- und Wimmelbuch – bloß kein wissenschaftliches Sachbuch – aber das würde eh niemand lesen (wollen) …

Die erste Inhaltsseite ist einer fiktiven Person namens Anna gewidmet, welche auch wie alle Personen auf den weiteren Seiten comic-haft und bunt gezeichnet ist; Anna ist vom Down-Syndrom (Trisomie 21) betroffen. Des Weiteren finden sich neben dieser zentralen Abbildung des betroffenen Kindes auf ’seiner Seite‘ jeweils meist mehrere kleine, mit Pfeilen und lustigen Beschriftungen versehene Anmerkungen.

Die folgenden Kategorien werden bei allen der enthaltenen 25 ‚Beeinträchtigungen‘ wie in einem Poesiealbum immer in derselben Reihenfolge aufgeführt und stichpunktartig erklärt:
Mag gerne, Mag weniger, Lieblingssatz, Behinderung, Spitz- oder Schimpfname, Wie oft kommt das vor, Geht das wieder weg, Wo kommt das her, Wie gehe ich auf {NAME} zu, Was lass ich lieber, Kann ich mit {NAME} spielen, Was ist daran einfach nur doof und Vorteil.

Auf jeder dieser Poesiealbum-Seiten mit einer eigenen Beeinträchtigung wird, ganz unten aber ‚puǝɥǝʇs ɟdo⋊ ɯǝp ɟnɐ‘, so genanntes Geheimwissen angebracht – meist ein paar besonders überraschende Infos zur jeweiligen Beeinträchtigung. Ebenfalls unten auf jeder Seite findet sich grafisch der so genannte Mitmach-Level, welcher wohl angeben soll, mit welchem Erfolg man als Nicht-Betroffener bei dieser Störung einfach mitmachen, sie also einfach imitieren kann.

Das Krasse an diesem Buch ist, dass neben anerkannten Beeinträchtigungen/Behinderungen wie Trisomie 21, ADHS, Stottern und vielen weiteren auch andere Verhaltensstörungen (wie zum Beispiel Spielsucht, Übergewicht oder Angeberei) im genau gleichen Stil und Methodik besprochen werden. Mit diesem Kniff löst das Buch das auf der Titelseite gegebene Versprechen ein, dass jeder in diesem Buch vorkommt. Durch diesen Trick wird tatsächlich erreicht, dass Behinderungen/Beeinträchtigungen/Störungen mehr unter dem Gesichtspunkt der Normalität gesehen werden, was wirklich super funktioniert!

Hier die Liste der im Buch besprochenen Beeinträchtigungen – und da ist wirklich für jeden was dabei – versprochen:

  • Down-Syndrom (Trisomie 21)
  • Angeberei
  • Querschnittslähmung
  • starke Lernbehinderung
  • Mitläufer
  • Stottern
  • Tussi
  • Kleinwuchs
  • ADHS
  • Epilepsie
  • Spastizität
  • Taubheit (Gehörlosigkeit)
  • Muskelschwäche
  • Überbehütung
  • Rüpelhaftigkeit
  • Autismus
  • Herzfehler
  • Schüchternheit
  • Essensnörgler
  • Spina bifida (offener Rücken)
  • Hochbegabung
  • Bildschirmsucht
  • Übergewicht
  • Blindheit

Auf der letzten Inhaltsseite befindet sich der so genannte SUPER-JOKER – eine leere Eintrags-Seite in diesem besonderen Poesiealbum (quasi als ‚Beeinträchtigung №25‘), in welcher der geneigte Leser sich selbst als weiteren Fall eintragen kann und soll.


Auf der sechsten Inhaltsseite wird die Beeinträchtigung Stottern anhand der fiktiven Hanna dargestellt.

Hanna mag gerne: Barbie, Singen, Schinkennudeln, Bat Girl, Einrad fahren, Kuchen und wenn die Leute ruhig zuhören. Sie mag weniger: Streit, Volksmusik, Telefonieren, Blumenkohl und vor vielen Menschen sprechen. Ihr Lieblingssatz lautet: ‚Kann mal jemand ans Telefon gehen?‘ Auch all ihre anderen Antworten erscheinen uns vertraut und sind wie aus dem Leben gegriffen.

Hier ein kleiner Teil aus der offiziellen Leseprobe des Verlags,
ein Ausschnitt aus ‚Hannas Seite‘:

Kleine Leseprobe aus dem Buch: 'Alle-behindert!', Seite 6, Ausschnitt: Hanna

 

Uns selbst als vom Stottern betroffene Personen ist aufgefallen, dass alles, was es hier fachlich über Stottern zu lesen gibt, korrekt zu sein scheint, in normale Worte verpackt ist und damit sehr praktisch, anschaulich und real rüberkommt. So wird ‚unsere Lieblings-Störung‘ normal und kindgerecht ‚aufgekocht‘. ‚Lieblings-Störung‘ deshalb, weil wir uns natürlich zum Teil auch in mindestens sieben weiteren Störungen – von Angeberei bis hin zur Bildschirmsucht – wiederfinden … Vor unserem geistigen Auge können wir uns jedenfalls die stotternde Hanna sehr gut als liebenswerte, authentische, junge betroffene Person vorstellen.

Für alle anderen Störungen außer Stottern können wir natürlich nicht fachlich unsere Hand ins Feuer legen aber nachdem ‚unsere‘ Beeinträchtigung Stottern mit Hanna so fachlich überaus gut (wenn natürlich keinesfalls vollständig oder gar wissenschaftlich korrekt) dargestellt ist, vermuten wir, dass die anderen Beeinträchtigungen ebenfalls auf dem selben Niveau beschrieben sind.


So macht es einfach Spaß, dieses Buch in einem Rutsch zu verschlingen. Anhand der 24 frei erfundenen aber real dargestellten fiktiven Personen (in der Analytischen Psychologie wird diese Technik als Persona bezeichnet) gelangt man schnell zur neuen alten Einsicht, dass Behinderung etwas mehr oder weniger normales ist, gerade, weil dieses Buch ‚echte‘ Behinderungen direkt und gleichberechtigt neben Nicht-Behinderungen stellt und so die Grenzen praktisch aufgeweicht werden.

Ein kleines Zitat aus dem Nachwort der aktuellen sechsten Auflage (die Original-Aussage^^ äh -Auflage kam 2019 heraus …) soll unsere gemeinsame Rezension abrunden:

Mit der eigentlich unzulässigen Eingemeindung von uns allen in die Welt der Behinderten wollen wir die immer noch so oft fehlende Berührung ermöglichen. Wir machen damit alle Kinder neugierig, statt ihnen wortkorrekt ideale Verhältnisse vorzuspielen. Dazu gehört es, Dinge so zu benennen, wie sie auch 2023 noch auf dem Schulhof benannt werden. Ja, in unserem Buch fallen Worte, wie „Spasti” oder „Mongo”. Aber das Kind, das sie hier gelesen hat, wird sie anschließend eher nicht mehr als Schimpfwort verwenden. Es wird sich selbst und die vielfältigen Zeitgenossen um sich herum genauer wahrnehmen und besser verstehen.

Durch ihre Beeinträchtigung und ihre Ansichten darüber stark traumatisierte Menschen mögen mit der Art der Darstellung in diesem Buch ein Problem haben. Doch insbesondere beim Stottern ‚wird es besser‘, wenn man darüber, also über sich selbst lachen kann. Ja, das ist unserer Meinung nach eine der Grundvoraussetzungen für einen guten Umgang mit dem eigenen Stottern  – und ja, das kann man lernen. Am besten in, mit und durch die Stotterer-Selbsthilfe.

Dieses Buch ist unserer Meinung nach ein echtes Kleinod aber vielleicht für die Zielgruppe der ab 5-jährigen mit etwas (zu) viel Ironie angereichert; das einzige, was wir anregen wollten, ist, dass in weiteren Aussagen^^ äh Auflagen noch weitere Behinderungen aufgenommen werden sollten, wie z.B. die Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildungen, um nur eine zu nennen …

im August 2024,
Lisa Bauernfeind & Mmmmichael Braun