Im April 2025 organisierte die ÖSIS erstmalig ein Seminar, welches speziell für stotternde Frauen konzipiert wurde und einen geschützten Rahmen zur Vernetzung und zum Austausch ermöglichte. Maria-Antonia Wolf, ÖSIS-Mitglied aktiv in der Selbstilfegruppe Wien, war dabei und berichtet von ihren Erfahrungen:
Das erste ÖSIS-Frauenwochenende fand vom 25. bis 27. April 2025 im beschaulichen Maria Ellend in Niederösterreich statt und für mich war es das erste Mal, dass ich an einem ÖSIS-Seminar teilnahm. Das Wochenende stellte einerseits eine wertvolle Möglichkeit für stotternde Frauen wie mich dar, in einer wertschätzenden und verständnisvollen Umgebung Raum für verschiedene persönliche Thematiken und deren Reflexion zu finden. Andererseits durften wir dank Eva Steißlingers Expertise im Bereich der Bewegungs- und Tanztherapie an verschiedenen Übungen teil-nehmen, die unsere Körperwahrnehmung stärkten und Anregungen boten, uns mit dem Stottern auseinanderzusetzen. So analysierten wir unter anderem unsere Körpersprache beim Reden und konnten durch gegenseitiges Feedback neue Einblicke gewinnen. Der Austausch wurde maßgeblich davon bereichert, dass Eva Steißlinger nicht nur als Seminarleiterin, sondern auch als Stotternde teilnahm und so eine vertrauliche Atmosphäre innerhalb der Teilnehmenden zusätzlich gestärkt wurde.
Unser Wohlfühlwochenende startete jedoch unerwartet turbulent und stellte uns vor einige Herausforderungen: Zu Beginn unseres Seminars mussten wir nämlich feststellen, dass unsere Unterkunft doppelt vergeben wurde und uns somit nicht mehr zur Verfügung stand. Nachdem wir notdürftig Unterschlupf in einem kleinen Nebengebäude fanden, zeigten sich auch hier Herausforderungen – so war die Raum- sowie Duschwassertemperatur eher ‚erfrischend‘ als wohlig-wärmend und die eher beengten Platzverhältnisse boten nicht genügend Raum für einen planmäßigen Ablauf des Seminars. Diesen Widrigkeiten trotzten wir jedoch vorbildlich und ließen uns die Freude am Frauenseminar nicht nehmen. Schließlich hatten wir das Wichtigste immer noch – eine tolle Frauengemeinschaft und ein ganzes Wochenende nur für uns. Außerdem sind wir Stotternde ja darin geübt, mit herausfordernden Situationen umzugehen! Somit ließen wir uns die Stimmung nicht vermiesen und verbrachten ein tolles und bereicherndes Wochenende in Maria Ellend, welches ich in guter Erinnerung behalten werde.
Ein Highlight war definitiv unser Ausflug in den Nationalpark Donau-Auen, der sich einen kleinen Spaziergang entfernt von unserer Unterkunft befand. Vor einer malerischen Kulisse konnten wir unsere Gespräche noch weiter vertiefen und uns mit unserem Stottern auseinandersetzen. Generell verbrachten wir am Wochenende gerne Zeit draußen, sofern es das teils regnerische Wetter zuließ. An den Abenden ließen wir es uns ebenso gutgehen; wir kochten gemeinsam und hatten wieder genügend Zeit, über Gott, die Welt und das Stottern zu philosophieren. Somit hatten wir am Frauenseminar einerseits genügend Zeit, um gemeinsam mit Eva körperbezogene Übungen durchzuführen und andererseits genossen wir die gemeinsame Zeit in einer idyllischen Umgebung.
Der Austausch mit anderen Stotternden hat mir in den letzten zwei Jahren enorm geholfen – ungefähr so lange besuche ich die Wiener Selbsthilfegruppe bereits regelmäßig. Das Wissen, dass andere stotternde Menschen sich mit denselben Stresssituationen und Gedanken auseinander-setzen und das daraus resultierende Gefühl der Erleichterung (Geteiltes Leid ist nun mal halbes Leid!) stellt für mich eine enorme persönliche Bereicherung dar. Die Möglichkeit, eigene Erfahrungen, die sich im Leben einer Stotternden ergeben, teilen und besprechen zu können, hat meinen eigenen Umgang mit dem Stottern auf jeden Fall positiv beeinflusst. Das Frauenseminar reiht sich für mich in diese Erfahrungen ein und stellt eine tolle Ergänzung zum monatlichen Besuch der Selbsthilfegruppe dar.
Ich finde es daher großartig, dass dieses erstmalig von der ÖSIS organisiert wurde und hoffe auf eine Wiederholung, um nächstes Jahr wieder an einem Wochenende explizit Frauen, als ‚Stotter-minderheit‘, einen Rahmen zu gewähren, an dem ein interner Austausch und so auch Wachstum stattfinden kann. Mein Dank gilt somit der ÖSIS, Eva Steißlinger und den Seminarteilnehmerinnen, die dieses Wochenende ermöglicht haben!
Maria-Antonia Wolf

