Eine Welt, in der alle stottern

Es war das erste Mal, dass ich an einem Youth Exchange teilgenommen habe, und ehrlich gesagt hatte ich überhaupt keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich war als Volunteer dabei und ziemlich nervös, ob ich mit den neuen Aufgaben in einer völlig ungewohnten Umgebung und unter Menschen, die ich gerade erst kennengelernt hatte, zurechtkommen würde.

Stamily Erasmus+ Youth Exchange

Der Stamily Erasmus+ Youth Exchange ist ein von Erasmus+ gefördertes Austauschprogramm für junge Stotternde zwischen 18 und 30 Jahren. Eine Woche voller Workshops, Aktivitäten und interkultureller Begegnungen bietet Teilnehmenden einen sicheren Rahmen zum Austausch, Lernen und Stärken des Selbstvertrauens. Im Mittelpunkt stehen Austausch und gegenseitiges Verständnis, ohne Sprachtherapie. Das Programm wird von Betroffenen selbst organisiert und schafft so ein besonders authentisches, unterstützendes Umfeld.

Seit 2026 sind wir als österreichische Gruppe beim Stamily Erasmus+ Youth Exchange für junge Stotternde dabei und suchen für das kommende Jahr genau dich! Mit dabei sind andere stotternde junge Erwachsene aus insgesamt fünf bis sieben Ländern. Keine Sprachtherapie, nur echte Begegnungen, Workshops und gute Vibes. Erasmus+ trägt einen erheblichen Teil deiner Teilnahmekosten.

Mein Stottern hat mich jahrelang zum Schweigen gebracht. Ich dachte, ich sollte möglichst unsichtbar sein, damit niemand meiner unperfekten Stimme zuhören muss. Für viele Menschen wurde mein Stottern zu dem Einzigen, was sie über mich wussten. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass es das Einzige war, was von mir übrig geblieben war. Es war wie ein Käfig, in den ich mich aus Scham selbst eingeschlossen hatte.

Beim Youth Exchange war ich als Timekeeper dafür zuständig, die Glocke zu läuten, Ankündigungen zu machen und den Leuten zu sagen, wo sie hinmüssen und was als Nächstes passiert. Also genau die Dinge, die wahrscheinlich besonders schwierig für jemanden sind, der sein ganzes Leben lang möglichst wenig auffallen wollte. Trotzdem habe ich diese Herausforderung angenommen, weil ich nicht länger in diesem Käfig bleiben möchte.

Mit 28 hatte ich zum ersten Mal ein richtiges Gespräch mit einer anderen Person, die stottert. Bis dahin hatte ich entweder noch nie jemanden getroffen, der stottert, oder ich hatte solche Begegnungen möglichst vermieden. Anderen beim Stottern zuzuhören, hätte bedeutet, auch mich selbst darin wiederzuerkennen, und dafür habe ich mich viel zu sehr geschämt. Als ich mir schließlich erlaubt habe, andere stotternde Menschen kennenzulernen, habe ich verstanden, dass wir nicht unser Stottern sind. Ja, wir haben es gemeinsam, aber wir sind so viel mehr als das.

Für mich wurde die Teilnahme am Youth Exchange zu einer einmaligen Erfahrung. Sie hat meine Welt auf den Kopf gestellt, und ich bin mir sicher, dass sie danach nie wieder ganz dieselbe sein wird. Aus einer Welt, in der flüssiges Sprechen als Normalität gilt, fand ich mich plötzlich in einer Umgebung wieder, in der alle stottern – vom Zimmernachbarn bis zum Küchenteam.

Als ich abreiste, ging mir immer wieder ein Gedanke durch den Kopf. Wie soll ich jetzt wieder in dieser flüssig sprechenden Welt leben, in der fast niemand überhaupt weiß, wie man stottert? Für mich ist Stottern inzwischen einfach eine weitere Art zu sprechen – nicht mehr und nicht weniger.

Und die Menschen, die ich beim Youth Exchange kennengelernt habe… nun ja… sie sind einfach unglaublich – mutig, klug, lustig, abenteuerlustig und noch so vieles mehr!

Heute sehe ich, dass das Stottern immer ein Teil von mir sein wird, aber es ist nicht das, was mich ausmacht. Es ist einfach die Art, wie ich spreche – meine Superkraft.

Olga Dernova
ÖSIS SHG Wien

Foto im Beitrag: Emilien D.